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Interview mit einem Unternehmensberater

Als Unternehmensberater im Bereich der Unternehmenssoftware ist das Umfeld geprägt von Berührungspunkten mit neuen Medien. Dieser freiberuflich arbeitende „Technical Consultant“ hat nicht nur täglich mit diesen zu tun, er ist ganz und gar von all den neuen Möglichkeiten der neuen Technologien begeistert. Es ist dabei kein Wunder, dass die herkömmlichen Medien in seinem Leben nur eine untergeordnete Rolle einnehmen. Hier erzählt er von seinem Arbeitsalltag, seinen Aufgaben und warum er sich für eine freiberufliche Arbeit im Vergleich zu einem Angestelltenverhältnis entschieden hat.

Er ist 32 Jahre jung, verheiratet, hat ein Kind und absolvierte sein Studium in Erziehungswissenschaften bevor er seinem zweiten Interessenfeld, den Computern, nachging. Wir treffen uns an seinem Arbeitsplatz Zuhause in Oberbayern. Auf dem Schreibtisch liegen Laptop, PDA (elektronischer Organizer) und ein Businesshandy. Das Festnetztelefon läuft per VoIP über seinen DSL-Anschluss. Ansonsten ist eine Musikanlage und Couch nicht weit vom Schreibtisch entfernt.

Um halb neun komme ich ins Büro, lese die E-Mails und schaue, was passiert ist, um dann gegen neun oder halb zehn anzufangen, die ersten Aufgaben zu bearbeiten. Das sieht so aus, dass ich mir einen Plan mache, welche Aufgaben ich heute schaffen will, das heißt ich verschaffe mir erst mal einmal einen Überblick, welche Aufgaben erledigt werden müssen und dann schaue ich, welche Aufgaben sehr dringend sind. Das bedeutet, ich priorisiere diese Aufgaben und erledige diejenigen sofort, die am dringendsten sind, sowie auch die Aufgaben, die man sehr schnell abarbeiten kann. Alle anderen Aufgaben fallen dann etwas nach hinten. Wenn zum Beispiel eine E-Mail bearbeitet werden muss, was etwa eine halbe Stunde dauert, dann gibt es darauf auch sofort eine Antwort. Die Aufgaben, die lange dauern oder nicht wichtig sind, die werden dann sehr weit hinaus geschoben.

Die Arbeit selber sieht wie folgt aus: Ich fahre zu einem Kunden, dem wir eine Software verkauft haben, und passe diese Software an die Kundenwünsche an. Ich gehe also zum Kunden und mache eine Beratung darüber, welche Funktionen der Software der Kunde aktiviert haben möchte. Wenn er die Funktionen schon kennt, ist es für mich klar. Aber manchmal hat der Kunde ein Problem und dann weiß er nicht, was die Funktionen bedeuten, das heißt er weiß gar nicht, dass die Software dies oder das IT-Berater überhaupt kann. Und da muss ich ihm dann im Beratungsprozess erklären, dass er ein bestehendes Problem auf eine bestimmte Weise lösen kann. Mir ist in diesem Punkt wichtig, dass meine Arbeit bei den Problemen ansetzt, das heißt ich arbeite lösungsorientiert und möchte Lösungen bringen für Dinge, die dem Kunden ganz konkret auch helfen. Und ich suche hier am liebsten die Arbeiten heraus, die am stärksten Schwierigkeiten machen und biete dafür Lösungen an. Der erste Schritt ist dabei, dass ich erst einmal die Wünsche aufnehme, dann die Punkte sammle, es zu einer Konzeption kommt und dann fange ich an, zu programmieren. Somit ist also auch der nächste große Arbeitsschritt, den ich an einem Tag habe, der der Programmierung. Das nimmt eigentlich auch den weiteren Tag in Beschlag: Programmieren, testen, Fehler finden, bis es irgendwann keine Fehler mehr gibt und das Tool, das ich programmiert habe, dem Kunden zeige, es ihn testen lasse und sein Feedback aufnehme, um die Vorschläge daraus noch einzubauen. Wenn er dann irgendwann sagt, er sei zufrieden und es sei alles, wie es laufen sollte, dann fange ich an, noch kleinere Optimierungen vorzunehmen, den Code zu dokumentieren und schließlich schule ich, das heißt ich zeige dem Kunden, wie man mit dem Programm umgeht. Diese Phase, die ich jetzt eben aufgezeigt habe, also die ganzen Schritte in einem Projekt, die habe ich nicht jeden Tag von A bis Z. Es kann sein, dass ich diese Sachen mal jeden Tag mache, es kann aber auch sein, dass ich an einem einzigen Tag nur dokumentiere, programmiere oder nur konzipiere. Es ist also nicht jeder Tag gleich. Das ist das Schöne an diesem Beruf.

Ich gehe nur zu Kunden, die eine ganz spezielle Software eingekauft haben, diese Software nennt sich Content-Management-Software. Das heißt, der Endkunde, bei dem ich im Büro sitze, der kauft diese Software ein – die ist auch meistens ziemlich teuer. Und mit dieser Software können Endanwender, also Autoren oder andere Menschen, die im Bereich Marketing arbeiten, sehr leicht Inhalte auf einer Homepage ändern. Sonst hat man bei Internetauftritten den Nachteil, dass diese programmiert werden müssen und ein normaler Marketing-Mensch kann diesen Inhalt dann er erst einmal nicht ändern, weil er nicht programmieren kann. Mit dieser speziellen Software kann man nun die Inhalte sehr einfach ändern. Meine Aufgabe dabei ist fast immer, dass ich diese Software beim Kunden installiere, konfiguriere und schließlich an die Kundenwünsche anpasse. Das bedeutet, dass der Kunde Bescheid sagt, wenn er zum Beispiel einen neuen Webauftritt haben möchte, beispielsweise, weil sie sich von ihrer Agentur ein neues Design haben geben lassen. Das Design liegt dann in HTML vor, neu und schön bunt, aber es funktioniert nicht. Es ist eben nur ein Design, welches toll aussieht, aber erst einmal gar nichts kann. Das bedeutet, dass es keine Formulare, keine Berufsgeschichten – Menschen erzählen aus ihrer Arbeitswelt und wie sie diese erleben 229 Datenbankabfragen usw. gibt. Meine Aufgabe ist nun, dass ich diese Funktionen in den HTML-Code hinein programmiere. Ich verknüpfe also die Technik der Software mit dem schönen Rot vom Designer und verbinde auf diese Weise die beiden Welten. Im Endeffekt ist das Ergebnis meiner Arbeit eine funktionsreiche, interaktive Webseite, die im Gegensatz zu früher also einiges kann, also quasi funktional angereichert ist.

Neue Medien

Im Bereich der Medien mache ich selber nichts über die „alten Wege“, das heißt über die alten Medien. Ich telefoniere zwar noch relativ häufig, aber normale Briefe oder Faxe zu schreiben ist nur noch dann relevant, wenn ich einen Vertrag hereinbekomme, der unterschrieben zurückgeschickt werden muss. Aber die restliche Korrespondenz und der Informationsaustausch geht nur noch über die digitalen Wege, meistens E-Mail. Ich benutze das Internet außerdem, um zu telefonieren oder um über Homepages Botschaften nach außen zu präsentieren. Ich benutze es auch für synchrone Kommunikation, wie zum Beispiel Chat. Und natürlich ist das Internet wahnsinnig relevant für die Informationsbeschaffung, also um Nachrichten zu lesen, sich Fachinformationen zu besorgen, sich in Foren mit anderen Fachexperten auszutauschen usw.

Vor einer Woche war ich bei einem Steuerberater, der nicht an das Internet angeschlossen ist. Da frage ich mich, wie der überhaupt arbeiten kann, wie er an die neuen Informationen kommt, wenn er nicht online ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man jedes viertel Jahr auf eine Steuerberatungszeitung wartet, in der ich dann erst die neuesten Urteile nachlesen kann. Das könnte ich mir in meiner Branche gar nicht leisten, also nur einmal im viertel Jahr eine Fachzeitschrift zu lesen. Ich würde das jeden Tag wissen wollen, wenn es beispielsweise ein neues Urteil gibt. So nutze ich eigentlich in allen Lebensbereichen das Internet, sowohl auf dem Laptop als auch zum Beispiel auf dem Handy, um diesen zeitlichen Informationsvorsprung zu haben.

Mich beschäftigt mein Beruf schon seit vielen Jahren, da ich früher mal eine Doktorarbeit über virtuelle Teams angefangen habe. Bei virtuellen Teams geht es darum, dass man zwar als Team zusammen arbeitet, aber an unterschiedlichen Orten verteilt arbeitet, das heißt man sieht sich nur über Online-Konferenzen oder wenn man sich gelegentlich an einem Ort trifft. Ich mache einen ähnlichen Spagat. Auf der einen Seite bin ich in dieser Hinsicht relativ normal, weil ich zum Kunden reise und somit bei ihm vor Ort im Büro bin und auf diese Weise natürlich auch privat an den Kunden IT-Berater 230 angebunden bin. So bin ich zwar physisch beim Kunden vor Ort, aber halte auch Kontakt zu meinen Leuten woanders über das Internet, da ich meine E-Mails weiter lese und die Internettelefonie nutze. Das heißt, dass ich kommunikativ nicht abgetrennt bin, sondern nur körperlich. Das ist die eine Seite. Aber ich sehe auch zu, dass ich für den Kunden immer mehr von zu Hause aus arbeiten kann, dass ich mich also von zu Hause aus oder von meinem Büro aus auf dem Server des Kunden einwählen kann und somit von meinem Rechner aus arbeiten kann. Dadurch habe ich weniger Reisekosten, mehr von meiner Familie und kann trotzdem für den Kunden arbeiten. Im Endeffekt muss ich ja nur programmieren und das kann ich auch von zu Hause aus. Leider mögen das viele Kunden nicht, da sie mich aus Sicherheitsgründen nicht auf ihre Rechner von außen zugreifen lassen wollen. Im Prinzip sind einem im Virtuellen oftmals die Hände gebunden, weil große Firmen ein Mangel an Vertrauen haben und niemanden auf ihren Rechner zugreifen lassen. Darüber hinaus sichern sie sich natürlich auch mit Hilfe von effektiven Firewalls ab. Dann muss ich eben doch wieder reisen. Bei kleineren Kunden komme ich aber relativ leicht auf den Rechner auch von zu Hause aus.

Als Selbstständiger hat man viel zu tun, aber auch mehr Freiheit

Ich war vier Jahre lang angestellt und bin seit zwei Jahren selbständig. Ich komme an meine Kunden nicht durch offizielle Ausschreibungen, sondern eher durch mein Netzwerk. Dieses Netzwerk baue ich in elektronischen Netzwerkplattformen auf, so genannte „Social Networks“ und sehr viele Kunden erhalte ich auch über Agenten, Personalagenturen in den Benelux[1]Staaten und in England. Die suchen für mich jeden Tag nach Kunden, bis sie einen guten Kunden gefunden haben, der einen Spezialisten braucht. Wenn der Kunde dann Interesse hat, kommt es zu einem Interview und dann halt auch zum Vertrag. Das heißt, ich muss mich nicht viel um die Akquise kümmern, sondern gebe diese an Agenten ab. Denen sage ich dann beispielsweise: „Ich suche etwas zum 01.10., schau doch mal nach, ob du Auftraggeber findest.“ Die Agenten bekommen erst Geld von mir, wenn ich unterschrieben habe und der Vertrag mit dem Endkunden zu Stande kommt. Das ist für mich sehr vorteilhaft.

Der Druck ist vergleichsweise zu einem Angestelltenverhältnis nicht weniger geworden. Früher hatte ich Druck vom Chef, das habe ich jetzt auch, durch die Kundenwünsche, Anforderungen oder auch durch meine eigenen hohen Maßstäbe, von daher ist das Leben nicht wesentlich lockerer oder leichter geworden. Aber ich habe wesentlich mehr Freiheit. Ich kann Berufsgeschichten – Menschen erzählen aus ihrer Arbeitswelt und wie sie diese erleben mir zum Beispiel sagen, dass ich an einem Tag nicht arbeite, sondern etwas für mich mache, einen Urlaubstag oder so etwas. Das kann ich dann schon sehr spontan einrichten und habe somit eine starke Kontrolle über mein Leben. Ich kann diesen Regler zwischen Freizeit und Arbeit sehr gut selber einstellen. Das ist der große Vorteil, dass man seine Freizeit so leben kann, wie es einem passt. Wenn heute Regen ist, arbeite ich halt, und an einem Sonnentag gehe ich dann eher mal an einen See. Das ist sehr angenehm. Nachteilig ist, dass man im Prinzip keinen richtigen Feierabend hat. Ich kann nicht um fünf Uhr den PC ausmachen und dann ist Feierabend, sondern der PC ist immer an und man guckt immer, auch abends, nochmal rein und erst ab elf oder zwölf Uhr nachts wird er dann irgendwann mal aus gemacht, wenn auch die letzten Mails beantwortet sind. Von daher ist man zwischen halb acht morgens und elf oder zwölf abends beruflich ansprechbar. Ein großer Vorteil ist aber, dass man durch das Selbstständig-Sein sehr viele Fähigkeiten lernen muss, die in einem Angestelltenverhältnis in einer anderen Abteilung abgewickelt werden, zum Beispiel in der Finanz- oder Marketingabteilung. So etwas muss ich quasi alles in einer Person machen, muss mich um die Steuern kümmern, die Akquise machen, mich selbst durch Marketing präsentieren und bin in der Entwicklung tätig. Das ist schon eine große Herausforderung, sämtliche Abteilungen eines Unternehmens in einer Person zu integrieren, ist für mich sehr spannend.

Menschliche Beziehungen und Erfolge bei der Arbeit

Mein oberstes Prinzip ist, dass ich immer eine Arbeit haben möchte, die mir Spaß macht, bei der ich sagen kann: An dieser Arbeit empfinde ich Freude, sie motiviert mich und bei dieser brauche ich keine zusätzliche Fremdmotivation. Das heißt, dass die Arbeit ausreicht, um jeden Morgen mit Freuden aufzustehen. Es gibt natürlich auch Tage, da passiert weniger und es ist somit nicht so aufregend, aber an den meisten Tagen der Woche hat man Erfolgserlebnisse oder man erreicht Sachen, die man schon die ganze Woche über erreichen wollte. Man erreicht vielleicht auch Sachen, von denen man früher nie gedacht hat, dass man sie erreichen könnte. Man hat Hürden genommen, die unvorstellbar waren. Ich habe eigentlich nur dann negative Gefühle, wenn ein Kunde mit der Arbeit unzufrieden ist oder er es sich anders vorgestellt hat. Dann möchte er auch nicht zahlen. Das sind wohl die Sachen, die negativ auffallen. Wenn ich aber eine gute Arbeit mache und der Kunde zufrieden ist, dann kann ich auch mit einem hohen Zeitaufwand für das Reisen und einer hohen Arbeitsbelastung gut umgehen. Ich kann dann auch Reisen von bis zu achtzehn Stunden am Tag aushalten, weil sehr viel Power von der Arbeit ausgeht. Von daher würde ich meine Arbeit auch nicht IT-Berater als stressig ansehen, selbst wenn ich viel reisen muss, sodass ich zehn Stunden am Tag reise und noch einen vollen Arbeitstag hinterher habe. Es wird dann eigentlich erst sehr stressig, wenn man stark unter Druck gerät, Spielräume abgeschnitten werden und harte Deadlines existieren. Das kommt zum Glück aber sehr selten vor.

Die letzten sechs Jahre bin ich viel gereist und habe einen Großteil meiner Zeit in den Niederlanden verbracht. Da gab es zehn oder zwölf Kunden. Die menschlichen Beziehungen sind mir dabei sehr wichtig. Ich habe im Augenblick einen Kunden, bei dem ich schon seit November arbeite und dort auch gerne bleiben möchte, da das Klima dort im Büro wahnsinnig gut ist. Es ist eine Marketingabteilung und die Leute sind sehr kreativ, locker drauf und man hat einfach so ein Verhältnis, als wären es sehr gute und enge Kollegen. Obwohl es Kunden sind, ist es eine sehr lockere und kollegiale Beziehung. Ich bin mit jedem per du und es gibt dauernd etwas zu feiern. Das ist sehr angenehm. Von daher würde ich auch nicht zu einem anderen Kunden gehen, auch wenn er mir ein besseres Angebot bieten würde. Diesen Kunden möchte ich einfach nicht aufgeben, weil der Kontakt super ist. Aus der Erfahrung kenne ich nämlich auch Kunden, die sehr unangenehm sind oder Menschen, die alles aus mir herausholen möchten. Dann fühle ich mich wie eine Orange, aus der die Menschen immer noch mehr herauspressen möchten. Da arbeite ich doch lieber mit Kunden, die großzügiger sind, sowohl vom Menschlichen als auch vom Finanziellen her. Dann bin ich auch genau zwei Wochen im Monat direkt beim Kunden vor Ort, habe dort immer Menschen um mich herum, ständig Kommunikation. Es ist für mich sehr wichtig, dass ich den direkten, menschlichen Austausch habe. So war ich auch bei Kunden, bei denen ich nur mit Netzwerkadministratoren zu tun hatte. Die waren sehr spröde und karg und ich habe gemerkt, dass dies genau die Leute waren, mit denen ich schon zur Schulzeit nicht konnte, um die man einen weiten Bogen gemacht hat. Die trifft man dann jetzt dreißig Jahre später wieder und damit komme ich schwer zurecht.

Ich erlebe so viele Menschen, dass ich von der Verschiedenheit fasziniert bin, von dem spröden und trockenen Administrator bis hin zu den extrovertierten Marketingmitarbeiter. Dann nehme ich aber auch ganz oft wahr, dass die Klischees, die ich mal hatte, gar nicht mehr zutreffen. Ich hatte bestimmte Klischees, dass es den typischen Betriebswirt, den typischen Juristen und den typischen Informatiker gibt. Diese Klischees haben sich aber sehr stark aufgelöst und ich weiß von den meisten Kollegen gar nicht, was sie studiert haben. Also treffen die Klischees meistens gar nicht. Mir fällt hingegen auf, dass ich einen starken Unterschied wahrnehme zwischen Berufsgeschichten – Menschen erzählen aus ihrer Arbeitswelt und wie sie diese erleben einem Kundenkontakt in England, in Holland oder in Deutschland. In Holland ist man so wie in England und in den USA sehr schnell beim Du, man kann selbst ungefragt jeden Mitarbeiter in der Firma duzen. Das ist alles sehr locker, während man in Deutschland mit den Kunden sehr lange beim Sie bleibt. Ich habe nur wenige deutschen Kunden, die ich duze, während ich in Holland noch nie einen Kunden gesiezt habe. Das macht schon einen großen Unterschied auf der Beziehungsebene. Ich habe keinen Kunden, den ich duze und zu dem ich eine sehr große Distanz habe und auch keinen Kunden, den ich sieze und mit ihm sonst sehr eng bin, sondern die Tiefe des Verhältnisses passt sich an das duzen oder siezen an. Mit Kunden, zu denen ich ein lockeres Verhältnis habe, trinkt man dann auch abends schon mal etwas, geht gemeinsam auf Spieleabende oder in die Sauna. Also alles Dinge, die man sich in einer Beziehung so vorstellen kann, sind dort auch im geschäftlichen Umgang vorhanden.

Im Virtuellen ist auch Menschliches zu finden

Ich suche aber auch bewusst das Virtuelle, wenn ich irgendwelche privaten Interessengebiete habe, die ich in meinem Freundeskreis nicht finde. Ich suche dann im Virtuellen andere Gleichgesinnte für ein bestimmtes Hobby oder Sport. Ich besuche Foren und tausche mich online über meine Hobbys aus, weil ich unter Umständen im privaten Freundeskreis dies nicht finde. Das ist so eine Art Kompensation. Ich finde diesen Spagat auch gut. Ich kenne Leute, die nur virtuell leben und keine realen Freunde mehr haben, die leben nur in Foren und Chats. Mich interessieren eigentlich Menschen, die keine Hobbys haben, nicht besonders. Von daher sind mir Leute, die sich in Foren tummeln und unter Umständen Fachexperten auf ihrem Gebiet sind, sehr sympathisch. Das sind sehr interessante Menschen mit einer sehr großen Leidenschaft, die Sachen intensiver können und ich mehr von ihnen erfahren kann. Ich habe es gerne, wenn man sein Hobby sehr intensiv betreibt. Von daher suche ich auch in virtuellen Welten stark das Persönliche. Ich gehe nicht in die virtuellen Welten, um zu labern, sondern will mich dort tiefgreifend über meine Hobbys zu unterhalten.

In den von mir besuchten Online-Foren sind hingegen eigene Gefühle nicht so relevant, da es doch sehr technische Foren sind. Gefühle sind für mich trotz der vielen Technik, von der ich umgeben bin, sehr wichtig, weil sie das darstellen, was das Leben an Intensität ausmacht. Von daher versuche ich schon, diese auszuleben. Meistens innerhalb der Familie durch Verwandte, Frau oder Kind, aber auch sehr gerne durch Musik. Ich investiere sehr viel Zeit in die Auswahl guter CDs und gehe dann wiederum in Foren, um IT-Berater nachzugucken, was es noch für neue CDs gibt, die mir dabei helfen, eine besonders emotionale musikalische Erfahrung zu machen. Da suche ich den Fachaustausch, um hinterher wieder beim Gefühl zu landen.

Ich behaupte, dass manche Kinofilme erfolgreicher sind als andere, weil sie sehr emotional sind. Filme, die vom Gruseln, von Liebe oder Tod handeln, sind meistens sehr erfolgreich und es geht dort quasi immer um Emotionen. Deshalb gehe ich auch ins Kino, um dort eine emotionale Erfahrung zu haben, sei es Grusel, Liebe oder Trauer. Ich suche daher bewusst Emotionen, lege aber auch einen großen Wert darauf, dass ich die Emotionen kanalisieren kann. Ich bin kein Mensch, der sich wie ein kleines Bürschchen auf Wellen der Emotionen schaukeln lässt, sondern ich steuere das selber sehr gerne und lasse mich ungern einfach nur treiben von der Großmacht der Emotionen. Deshalb bin ich auch gerne versucht, meine Emotionen auf Knopfdruck zu produzieren – durch zum Beispiel ein Lied oder Film, der gerade zu meiner Stimmung passt.

Visionen

Beruflich würde ich sagen, dass ich gerne eine eigene Firma mit Mitarbeitern hätte, die sehr erfolgreich ist, mit zehn Mitarbeitern oder so etwas in der Art. Eine Firma, für die man auch ein repräsentatives, schönes Gebäude hat, das man vorzeigen kann und bei dem die Menschen sagen, dass sie gerne für die Firma arbeiten. Ich denke schon, dass beruflich die Sehnsucht da wäre, mal ein kleineres Zeichen zu setzen. Ich glaube, im Leben geht es oft darum, dass man vor seinem Ableben, seinem Tod, Zeichen setzt, die weitergelebt werden und mit einer eigenen Firma kann man etwas schaffen, das auch nach dem Tod weiter erfüllt würde. Ich fände es toll, sich durch das Berufliche auch gleichzeitig einen kleinen Hauch von Unsterblichkeit zu bauen.