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Hebamme ist ein echter Frauenberuf – von Frauen für Frauen. Dieser Berufsstand hat für werdende Mütter eine wichtige Rolle, was sich auch dadurch zeigt, dass in manchen Kulturen hohe Ausgangsvoraussetzungen an Ausübende dieses Berufs gestellt werden. Die hier erzählende Hebamme zeigt auf, wie sie sich erst über Umwege für den Beruf entschieden hat, welche Sichtweisen viele Hebammen im Vergleich zu Ärzten/-innen vertreten und wie gesellschaftliche Trends die Schwangerschaft und Geburt beeinflussen. Desweiteren gibt sie hier Einblicke in persönliche Erklärungs­versuche bezüglich der steigenden Rate an Kaiserschnitt-Geburten.

Sie ist Mitte vierzig, verheiratet, hat zwei fast erwachsene Kinder und ist seit achtzehn Jahren als Hebamme tätig. Das Gespräch findet morgens um neun Uhr vor ihrem ersten Hausbesuch in ihrer Wohnung statt, die mit warmen Rottönen eingerichtet und in ruhiger Lage gelegen ist. Es springt eine junge Katze umher, die während des Gesprächs verspielt die Welt entdeckt.

Mein Weg zum Beruf der Hebamme war kein geradliniger. Bevor ich mich dazu entschied, war ich eine Zeit lang an der Uni und studierte Pädagogik, wo ich auch meinen Mann kennenlernte. Im fünften Semester brach ich aber mein Studium ab, da ich damals meinte, ich müsse etwas Bodenständigeres lernen. So begann ich eine Lehre im Bereich der Landwirtschaft und ging neben der praktischen Arbeit begleitend auf die Berufsschule. Ich arbeitete etwa ein dreiviertel Jahr auf einem biologischen Bauernhof in einem Nachbarort. Ein sehr prägnantes familiäres Ereignis führte mir später vor Augen, dass ich finanziell auf eigenen Beinen stehen sollte und in der Landwirtschaft dazu nicht genug Geld verdienen könne. Man ist nämlich als Landwirt nur dann ohne finanzielle Probleme, wenn man einen eigenen Hof hat. Da aber mein Mann schließlich Pädagogik studierte und keinen Hof besitzt, erkannte ich, dass auch dieser Tätigkeitsbereich nichts für mich sei.

Schon als Studentin arbeitete ich in der Nachtwache eines Krankenhauses und meine Mutter ist Krankenschwester, weshalb ich mir recht sicher war, dass ich diesen Beruf gut ausüben könne. Zudem hatte ich gemerkt, dass ich einen Drang zur Selbständigkeit hatte und mir diese Möglichkeit durch den Beruf der Hebamme auch offen stehen würde. Es war nicht einfach, den entsprechenden Ausbildungsplatz zu organisieren, da es für zweitausend Be­werberinnen nur fünfzehn Ausbildungsplätze gab. Dennoch hatte ich das Glück, durch meine Erfahrung und Bekanntschaften in dem von mir präferierten Krankenhaus eine Ausbildungsstelle zu bekommen Letztendlich bin ich also eher über Umwege in diesen Beruf hinein gerutscht, wobei ich Viele kenne, die schon von Kindesbeinen an Hebamme werden wollten.

Mein Schwerpunkt liegt derzeit nicht in der Geburtshilfe, sondern bei den Hausbesuchen und den geburtsvorbereitenden und schwangerschafts­begleitenden Gesprächen. Daher fühle ich mich momentan eher als Therapeutin. Es findet viel mehr das Gespräch mit Frauen statt, die kaum noch eine Ahnung haben von dem, was auf sie zukommt und die von der Kindererziehung oft nur noch aus irgendwelchen Büchern Halbwissen mitbringen. Das liegt auch daran, dass es bei uns in Deutschland keine Großfamilien mehr gibt, in denen alle Familienmitglieder für die Neu­geborenen und Kinder mit sorgen. Heute bringen Eltern ein oder zwei Kinder in kurzem Abstand zur Welt, auf die dann einige ganze Zeit lang keine Kinder folgen, bis dann lange Zeit später durch die Kinder ihrer Kinder die nächsten in die Welt gesetzt werden. Es entsteht eine große zeitliche Lücke und niemand weiß mehr, wie man mit Kindern richtig umgeht. Es gibt zum Glück auch manche Frauen, die genau Bescheid wissen und es nur noch meine Aufgabe ist, sie bewundernd zu begleiten und ihnen zu sagen, dass sie ihre Arbeit gut machen. Wenn ich nur negative Erlebnisse in meinem Beruf hätte, würde ich ihn wohl auch nicht mehr ausüben. Ich wäre frustriert und hätte keine Lust mehr. Zum Glück gibt es aber noch die Frauen, die einen guten Willen zeigen und ihr Wissen und Können auch weitergeben wollen.

Hebammen und die Arbeit mit werdenden Müttern

An meinem Beruf finde ich gut, dass er eine große soziale Komponente hat, ich viel menschliche Nähe erfahre und, dass es ein sehr anstrengender Beruf ist. Letzteres hat nämlich zwei Seiten: Die Anstrengung macht den Beruf zwar einerseits sehr schwer, andererseits macht sie aber auch einen Reiz aus. Insgesamt ist es dennoch sehr herausfordernd, denn an Tagen, an denen ich schlecht gelaunt bin, würde ich am liebsten nur Büroarbeit verrichten und mit niemandem reden. Die Hilfestellung für andere Menschen ist aber ein Hauptbestandteil meines Berufes, sodass das Ansprechende meines Berufes, mit Menschen um für Menschen zu arbeiten auch immer mit Ein­schränkungen verbunden ist. Ich kriege aber oft ein gutes Feedback und das hält mich gewissermaßen bei der Stange. Es ist schön, seinen Erfolg oder Misserfolg bei der Arbeit direkt beobachten zu können.

Die meisten Menschen fliehen vor dem Älterwerden und somit auch vor der Phase, in der Kinder in das Leben eines Menschen treten können. Paare lernen sich kennen und planen dann meist die Kindererziehung auf lange Sicht in ihr Leben ein. Die meisten Frauen, die in meinen Geburts­vorbereitungskurs kommen, befinden sich in der Regel gerade in einer Hochphase der Beziehung mit Ihrem Partner. Für sie ist dann die Schwangerschaft eine sehr schöne Zeit und es stellt für sie und ihre Partner eine Art Wende- beziehungsweise Hochpunkt im Leben dar. Sogar für die, die schon das zweite Mal eine Geburt durchmachen, ist es jedes Mal ein einmaliges Erlebnis. Es gibt aber auch diejenigen, die mit ihrer Situation unglücklich sind, und diese bekomme ich in meinen Vorbereitungskursen gar nicht zu Gesicht, sondern erst später bei der Geburt. Es ist dann spannend daran zu arbeiten, dass auch sie wieder die Kurve kriegen und glücklicher werden.

Wenn ich Praktikantinnen habe, geben sie mir als Grund für den Hebammen­beruf häufig an, dass sie Babys so süß finden. Ich warne diese jungen Mädchen davor, den Beruf unter diesem Gesichtspunkt zu wählen, weil man am meisten eine Zuneigung zu den Frauen haben sollte. Eine bekannte Hebamme hat mal auf einem Seminar gesagt, dass, wenn Hebammen die Kinder lieben wollen, sie die Frauen lieben müssen. Dieser Satz trifft genau ins Schwarze. Wenn ich nämlich als Hebamme nur die Babys liebe und nicht auf die Frauen schaue, sollte ich lieber Kinder­krankenschwester werden. Als Hebamme habe ich bis zu dem Moment, an dem das Baby kommt, also in der Geburtsvorbereitung, nur mit Frau und Mann zu tun. Ich beziehe die Männer immer mit in den Prozess ein, weil sie genauso bedürftig sind wie die Frauen und sich häufig nicht zu helfen wüssten, wenn man sie außen vor ließe. Die Männer haben eine enorme Rolle, weil sie die neue Familie versorgen müssen und nicht wissen, ob der Sex und der Alltag mit der Frau noch so bleibt wie vorher. Sie haben genauso Angst wie die Frau, aber nicht dieselbe hormonelle Unterstützung wie sie. Sie schweben ein wenig in der Luft und wissen nicht, wie sie handeln sollen. In erster Linie muss ich aber mit den Frauen arbeiten und sie lieben, was mir persönlich aber nicht schwer fällt.

Zu manchen Frauen, die ich betreue, würde ich, wenn ich sie auf der Straße träfe oder sie gar als Nachbarin hätte, keine enge Beziehung aufbauen wollen. In dem Moment aber, in dem sie schwanger sind, sind sie für mich alle gleich. Sie stellen viele Fragen und erscheinen mir daher bedürftig. Ich denke, dass jede Frau, die entweder schwanger ist oder einmal eine Schwangerschaft erlebt hat, mit einer schwangeren Frau einen starken gemeinsamen Nenner findet, egal, was diese Frauen sonst tun oder denken. Viele der Frauen, deren Geburt ich begleite, erkenne ich später auf der Straße gar nicht mehr und ihnen selbst ergeht es ähnlich. Schließlich verändert sich bei Frauen in der Schwangerschaft ihr Aussehen und viele Menschen merken daher Frauen ihre Schwangerschaft an, bevor diese es selber merken. Ich lerne die Frauen bereits als schwangere Frauen kennen und wenn sie später wieder in ihrem Beruf stehen und nicht mehr stillen, haben sie sich so stark verändert, dass ich sie auf den ersten Blick oft nicht mehr wiedererkenne.

Spagat zwischen Beruf und Fürsorge

Ich denke, dass sich die Wahrnehmung des Hebammenberufes in der Gesellschaft gerade verändert. Bis vor nicht allzu langer Zeit war es so, dass die Hebamme, nicht zuletzt durch die Fernsehmedien, immer nur als „Hebamme vom Land“ wahrgenommen wird, die ihr ganzes Leben für ihren Beruf hergibt und Tag und Nacht für Frauen bereit steht. Häufig sind dies in den Medien ältere Hebammen, die voller Erfahrung sind und auch bereits einige Hausgeburten begleitet haben. Schaut man sich aber die Gesamtheit aller Hebammen in Deutschland und deren Arbeitsweise an, stellt man fest, dass die „Hebamme vom Land“ nur einen verschwindend geringen Teil ausmacht. Daher finde ich, dass dieses Bild der Hebamme, das durch das Fernsehen vermittelt und von den Menschen auch gerne gesehen wird, nicht repräsentativ und eine Wunschvorstellung in der Art einer alles um­sorgenden Mutter ist. Wäre ich genauso ständig und allumsorgend für die werdenden und jungen Mütter da, müsste ich ein Übermensch sein. Das aber bin ich nicht, weil ich auch schon mal schlecht gelaunt bin und selbst eine eigene Familie habe. Gerade diese ständige Fürsorge ist aber eine der Wünsche, die ich von vielen Müttern wahrnehme. Das kommt wohl auch daher, dass Schwangere psychisch des Öfteren etwas wackelig sind und die Hormone verrücktspielen. Man befindet sich in einer Phase, die das gesamte Leben umstellt – was Männer oft nicht verstehen können.

Selten kennen Frau bereits in der Schwangerschaft viele andere Frauen, die das gleiche mitmachen oder gerade erst Kinder bekommen haben. Das Kinderkriegen ist nämlich nicht mehr wie früher eine Selbstverständlichkeit, wodurch es eben auch weniger schwangere Frauen gibt, mit denen man Austausch pflegen könne. Viele Frauen sind überdies aus beruflichen Gründen weit von ihren Eltern weggezogen und mitunter nicht mehr so gut in Gesellschaftskreise eingebunden oder gar etwas isoliert. Ein anderer Grund der Isolation ist, dass es in unserer Spaßgesellschaft verpönt ist, wenn man als Frau immer wieder über die eigene Schwangerschaft, das Kind, Symptome und Beschwerden spricht. Es ist also ein großes Kunststück, einerseits schwanger, andererseits aber als Frau interessant, schick und attraktiv zu sein. Womöglich sollen sie auch in dieser Zeit noch beruflich konkurrenzfähig bleiben – alles zusammen ist aber in einer Schwangerschaft nicht zu vereinbaren. Diese Tatsache erfordert von mir als Hebamme, den Frauen generell als Ansprechpartnerin beizustehen.

Gesellschaftliche Trends und die Rolle der Ärzte

Als grüne Stammwählerin stört es mich, dass die Familienpolitik in Deutschland einen „alten“ Touch hat. Das Mutter-Sein und Daheim-Bleiben ist dermaßen schlecht angesehen, dass schwangere Frauen einen Spagat leisten müssen – zwischen Kinderkriegen und möglichst schnell wieder in die Arbeit zurückzuwechseln. Es gibt zwar nicht so viele Frauen, die nach acht Wochen wieder arbeiten, aber es gibt dennoch einige, die es müssen. Viele Frauen stillen daher nur eine kurze Zeit und folglich wird auch die Bindung zu den Kindern geringer. Ich habe das Gefühl, dass diese Entwicklung wie ein Schlitten ist, den man kaum noch den Berg hinauf gezogen bekommt. Wenn die Eltern Abstände zu ihren Kindern aufbauen und sie nicht mehr richtig an sich binden, hat das für die Kinder meiner Meinung nach Folgeschäden in Form von späteren Bindungsstörungen. In Foren und Zeitschriften für Hebammen ist dies immer wieder ein weit diskutiertes Thema.

Ein wichtiges Thema ist dabei auch der Kaiserschnitt, welcher extrem zugenommen hat, weil Patientinnen ein immer größeres Bedürfnis haben, den Geburtsprozess kontrollieren zu wollen. Auch geht damit der Wunsch nach Einfachheit einher. Kind raus und weiter geht’s. Aber gerade der Prozess, sich auf die Geburt einzustellen und auch einzulassen unterstützt die Hormonausschüttung und gleichzeitig den Aufbau der Bindung zwischen Mutter und Kind. Eigentlich ist es doch wunderbar, dass die Geburt diese starke Bindung aufbaut, welche wir für unser späteres Leben brauchen. Letztendlich haben wir mit der Erziehung der Kinder eine lange Zeit vor uns, etwa fünfzehn bis zwanzig Jahre, und dafür ist es wichtig, dass man zunächst eng miteinander verbunden wird, damit man im Anschluss gemeinsam ein Leben führen kann. Dieses Binden ist aber für meine Begriffe viel schlechter möglich, wenn die Frauen schon zu Beginn ihren Kindern mit Distanz begegnen. Ich hatte neulich ein Gespräch mit einer Ärztin, die sagte, man könne es sich nach Belieben aussuchen, ob man einen Kaiserschnitt oder eine Entbindung durchführen will. Das darf eigentlich gar keine Frage sein! Wenn das Kind in normaler Schädellage liegt und es eigentlich keinen Grund gibt, einen Kaiserschnitt durchzuführen, dann darf man doch keine Wahlmöglichkeit haben – das ist ein riesiger Quatsch!

Der Trend, vor allen bei den jüngeren Frauen, ist, dass sie eine genaue Vorstellung davon haben, wie sie auf dem besten Weg ein „gesundes Kind“ erhalten. Viele Frauen planen in ihrem Leben sehr viel und sind damit mehr beschäftigt als mit allem anderen. Ärzte unterstützen diese Einstellung, weil sie durch Medikamente und Operationen bestimmte Dinge planbar machen, die eigentlich nicht planbar sind.

Mein Verhältnis zu Ärzten ist daher gemischt. Ich habe eine Freundin, eine Gynäkologin, mit der ich sehr gut befreundet bin. Von ihrer Meinung halte ich sehr viel und ich weiß, dass sie eine wunderbare Frauenärztin ist, die auch nicht vorschnell operiert. Von dieser Sorte gibt es aber nicht viele und es sind in der Regel mehr männliche Ärzte, die operationswütig sind. Das Operieren, so glaube ich, hat finanzielle Hintergründe, weil sie auf diese Weise einfach viel besser verdienen. Es wäre wohl etwas anderes, wenn die Krankenkassen pauschalisieren oder einen Stundensatz einführen würden, sodass Ärzte für Operationen das Gleiche bekämen wie wir für eine Entbindung. Denn dann würden sie sich genau überlegen, ob sie einen solch riesigen Aufwand so oft betreiben wollen. Im OP stehen etwa fünf Menschen, die alle bezahlt werden müssen, das heißt die Folgekosten einer OP sind enorm. Ich weiß von Ärzten, die bewusst falsche Indi­kations­merkmale aufstellen, damit die Frauen einen Kaiserschnitt nicht bezahlen müssen, obwohl das laut Krankenkasse eigentlich nötig wäre. Sie erfinden einfach eine medizinische Indikation – das finde ich furchtbar. Im Übrigen rechnen Krankenkassen mit uns Hebammen pauschal ab, sodass wir pro Geburt immer gleichviel bekommen, egal, ob wir zwei oder fünfzehn Stunden neben der Frau sitzen.

Es sind heutzutage nicht mehr die Ärzte, die für Frauen eine beachtende Autorität darstellen und Orientierung geben. Akzente werden immer mehr von den Frauen aus der Musik- oder Filmindustrie gesetzt, die groß in der Presse verkünden, dass sie bei der Geburt ihres Kindes einen Wunschkaiserschnitt machen lassen. Das ist verrückt, aber es ist so. Man unterhält sich nicht mehr mit der Nachbarin über die Fragen der Schwangerschaft und der Kindererziehung, sondern man schaut in der Zeitung nach, wie es diese oder jene Schauspielerin macht. Es ist traurig zu sehen, wie sich diese orientierenden Frauen in eine Situation manövrieren, die sich langfristig auch auf die Kinder auswirkt. Auch müssen Frauen verstehen, dass sie sich weit von ihren Wurzeln entfernen, wenn sie mehr Abstand zu ihren Kindern möchten oder womöglich gar keine Kinder mehr haben wollen.

Ärzte und Hebammen können schnell in Kritik geraten. Unsere beiden Berufsgruppen müssen sich immer wieder gegen Anfechtungen und Anzeigen wehren, wobei Ärzte aufgrund ihrer Lobby und besserer Organisation dabei mehr Möglichkeiten haben. Ich war zum Glück von so etwas noch nicht betroffen, aber ich weiß von einer Kollegin, die eine Haus­geburt durchführte und die Eltern sie erst sehr spät riefen. Es kam zu Komplikationen und sie konnte erst spät helfen. Letztendlich starb später das Kind. Natürlicherweise hängt nun diese Sache auch an Ihrem Ruf.

Ich weiß auch von Krankenhäusern, in denen Hebammen aufgrund der Überlastung nicht gut arbeiten können, sodass es bei Zwischenfällen nicht nur an der Person, sondern auch an den Arbeitsbedingungen liegt. Eine Geburt im Kreißsaal gilt allgemein als sicher, obwohl sich dort auch viele Zwischenfälle ereignen. Ich weiß aus Hebammenforen, dass die Geburtshilfe zu Hause sogar sicherer ist als im Krankenhaus, dies aber nicht wahr­genommen wird, da die Presse dies nicht bekannt macht, obwohl es riesige Untersuchungen zu diesem Thema gibt, zum Beispiel aus Amerika.

Das faszinierende Geburtserlebnis

In unserer Kultur wird man immer als Hebamme eingestellt, egal, ob man einer Religion angehört oder nicht. Aber es gibt auch Kulturen, in denen man nur dann Hebamme werden darf, wenn die Leute glauben, dass die Hebamme eine Beziehung zu einer höheren Macht hat. Ich bin gläubig, auch wenn ich nicht aktiv religiös bin, und ich denke daher ebenfalls, dass man als Hebamme einen Bezug zu „den höheren Mächten“ haben muss, weil nicht alles bei der Geburt steuerbar ist. Auch bei einem Kaiserschnitt kann nicht alles kontrolliert werden und es kann immer etwas Unerwartetes auftreten, weil eine Geburt von extrem vielen Faktoren beeinflusst wird. So weiß man beispielsweise bis heute nicht, warum eine Geburt an einem bestimmten Tag beginnt und nicht am vorherigen, an dem genau die gleichen Bedingungen herrschten. Weil die Geburt viel Unerklärliches mit sich bringt, gibt es daher schon religiöse Aspekte in meinem Beruf und ich denke, dass man den Glauben bei den meisten Hebammen findet.

Der schönste Augenblick der Schwangerschaft ist sicherlich die Geburt selber. Ich glaube sogar, dass dies der schönste Augenblick im ganzen Leben ist. In den Jahren, in denen ich selbst im Krankenhaus noch Geburtshilfe leistete, erlebte ich die Schönheit des Augenblicks jedes Mal auf Neue. Es gibt wohl Kolleginnen, die dagegen aus persönlichen Gründen abgestumpft sind, was mich immer ein wenig stört. Solange sie aber routiniert arbeiten und den Frauen Hilfe leisten, ist das für mich in Ordnung. Ich jedenfalls bin in den Momenten einer Geburt heftig gefühlsmäßig involviert, weil sich in so einem Moment alle anwesenden Personen in den Armen liegen, auch wenn das nicht immer und bei jeder Geburt der Fall ist. Es ist, als ob die Frau einen Olympiasieg erringen würde, bei dem sich alle Personen im Stadion mitfreuen.

Schreiende und glückliche Kinder

Nicht alle Kinder sind gleich, denn es gibt solche, die durch genetische Veranlagung bereits ruhiger und schneller zufrieden sind. Dann gibt es auch Kinder, die unruhiger und motorisch wilder sind und wenn sie dann obendrein noch ein schweres Geburtserlebnis hinter sich haben, dass sie nicht leicht verarbeiten können, dann äußern sie ihr Problem durch Schreien. Das eigentliche Problem ist die Umgangsweise damit. Eine Frau kann dabei verrückt werden. Sie möchte, dass das Kind glücklich ist, schafft es aber nicht, was sie in den Wahnsinn treibt. Wenn die Kinder keinen Hunger mehr haben, schreien sie sogar an der Brust, weshalb man sie dann eher eine Zeit lang tragen sollte, damit sie nicht mehr schreien. Vielleicht hilft es auch, sie eine Weile hinzulegen und ihnen einfach nur gut zuzureden. Es gibt Eltern, die das Problem ihres Kindes herausfinden können, indem sie versuchen, die Babysprache zu erlernen. Viele Eltern sind jedoch ganz hilflos und wundern sich zum Beispiel, warum ihr Kind immer noch schreit, obwohl es zuvor doch erst zu trinken bekam. Sie können sich nicht vorstellen, dass ihr Kind einfach nur deswegen schreien kann, weil es etwa Blähungen hat, träumt oder eine Geburtssequenz noch einmal durchlebt. In solchen Fällen schlafen Kinder nicht richtig, sondern schrecken bei der kleinsten Bewegung hoch. Obwohl man sie gewickelt und ernährt hat, kommen sie einfach nicht zur Ruhe. Das heißt, es ist niemals möglich, ein Kind mit völliger Sicherheit zur Ruhe zu bringen.

Ich fände es zu hoch gegriffen, zu behaupten, dass man schon bei der Geburt des Kindes gewisse Charaktereigenschaften erkennen könne. Ich würde aus dem Verhalten der Kinder eher Rückschlüsse auf die Art der Geburt ziehen. Obwohl – vielleicht kann man etwas erkennen, dass bestimmte Kinder schon von Geburt an ruhiger oder energischer sind. Auf keinen Fall aber sollte man diese Gedanken dem Kind mitteilen und es somit schon auf eine bestimmte Richtung festschreiben. Insgesamt stelle ich fest, dass Mutter und Kind häufig in ihrem Verhalten sehr gut zueinander passen. Es kommt selten vor, dass eine sehr laute Mutter ein ganz stilles Kind bei sich hat oder umgekehrt.

Hebamme als Frauenberuf

Der Beruf der Hebamme ist eine Domäne der Frauen und ein Mann, der die Arbeit des sogenannten Entbindungspflegers ausführen wollte, würde sich auf eine unvernünftige Emanzipation einlassen. Ich finde es absolut an den Haaren herbei gezogen, so etwas zu versuchen. Man stelle sich vor, eine türkische Frau betritt einen Kreißsaal, bei der sowieso niemand anders bei der Geburt dabei sein darf, und die einzige Fachperson dort ist ein Entbindungspfleger. Wenn dann noch der Gynäkologe und ihr Ehemann hinzukommen, wäre diese Frau bei ihrer Entbindung nur noch von drei Männern umgeben– das fände ich schrecklich. Kein Mann kann sich vorstellen, was so etwas für eine Frau bedeutet. Sogar Hebammen, die selbst nie Kinder bekommen haben und diese hormonelle Situation nicht nachempfinden können, haben aber zumindest einen Zyklus, kennen Frauenbeschwerden und können die Probleme bei einer Geburt eher verstehen als Männer. Es ist eben so, dass kein Mann nachempfinden kann, wie sich eine Scheide anfühlt oder sich vorstellen kann, wie stark sie gedehnt wird, wenn das Kind zur Welt kommt. Wie soll also ein Entbindungspfleger bei einer Geburt in allerbester Weise helfen? Ich möchte nicht abstreiten, dass er einfühlsam und hilfreich sein kann, aber die Geburt ist etwas so intimes, dass sich die Frau bei einem Mann in Form eines Entbindungspflegers nicht so wohl fühlen würde. Es ist ganz einfach eine reine Frauensache.

Interessant ist die Tatsache, dass es so viele Männer unter den Gynäkologen gibt. Ich denke schon, dass unter ihnen eine ganze Menge Voyeure sind. Ich meine das nicht bösartig und es sind auch nicht alle unter ihnen, aber es gibt sie auf jeden Fall. Ich finde, dass der Beruf des Gynäkologen sehr stark mit Macht verbunden ist – als Frau öffnet man sich im wahrsten Sinne des Wortes und kann sich dabei ausgeliefert fühlen. Mittlerweile gibt es auch viele Frauenärztinnen, weswegen ich mich wundere, wie viele Frauen dennoch zu Frauenärzten gehen und mit welcher Selbstverständlichkeit sie dies tun. Ich glaube, dass dabei generelle Mann-Frau-Beziehungsmuster mitspielten und sicherlich auch hin und wieder ein Stück weit Erotik im Spiel ist. So tritt der Frauenarzt dann meist wohl unbewusst als Partnerfigur auf. Häufig ist es auch so, dass der Frauenarzt für die Frauen eine Art Vaterfigur ist. Wenn Frauen aber schwanger sind und absolute Frauenprobleme durchmachen, fühlen sie sich beim männlichen Arzt eventuell verloren. Spätestens dann suchen sie in der Regel nach einer weiblichen Ansprechpartnerin.

 

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Nick Melekian, Autor des Buches Berufsgeschichten "Menschen erzählen aus ihrer Arbeitswelt und wie sie diese erleben"