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    Arbeit. Schweiß, Arbeitszeiten, Schichten, Überleben, Selbstwert und Anerkennung, gesellschaftlicher Stand, Ansehen, Arbeits­unfälle, Berufskrankheiten, Reichtum, Burnout und Boreout, Selbstentfaltung, Fremd­bestim­mung, Arbeitslosigkeit, Aus- und Weiter­bildung, Wochenend­beziehung, Trennung, Familien­tradition, Praktika, Entlohnung, Urlaub und Arbeitszeiten, Produktivität, Humankapital …

    Arbeit. Ein Wort und unzählige Assoziationen. Wie würden Sie einem jungen Menschen näherbringen, was es bedeutet, zu arbeiten? Ganz un­abhängig davon, um welchem Beruf es sich handelt? Was denken Menschen den ganzen Tag, wenn sie arbeiten? Wie erleben Men­schen der unterschiedlichsten Berufe ihre Arbeit? Welche Aus­wirkungen hat der Beruf auf das Privatleben jedes Einzelnen?

    Arbeit kann gesund und Arbeit kann krank machen. Für manche Menschen ist es bereits ein Erfolg, jeden einzelnen Tag überstanden zu haben. Andere können von ihrem Job gar nicht genug bekommen. Berufsentscheidungen und auch die Möglichkeiten der freien Berufswahl scheinen also eng mit der späteren Lebensqualität und empfundenem Schicksal zusammen­zuhängen.

    Arbeit ist zeitlos, denn es gab schon immer Arbeit und es wird sie immer geben. Doch was ist Arbeit? Die Spanne aller beeinflussenden Faktoren für eine genaue Definition der Arbeit ist riesig: Ist Arbeit nur mit Gelderwerb verbunden? Was wäre dann aber mit all den Menschen, die immer noch vielerorts auf dieser Welt zu Arbeit gezwungen werden? Ist es noch Arbeit, wenn Menschen ihren Beruf als Hobby bezeichnen? Und wie steht es mit der Haushalts­führung, Kindererziehung oder Pflege eines geliebten Ver­wandten? Noch immer kaum in der Gesellschaft wahrgenommen, sind auch diese unentgeltlichen Tätigkeiten gewiss als Arbeit zu bezeichnen.

    Wir neigen dazu, jeder Arbeit einen Namen zu geben. Dieser Name, auch Beruf genannt, vereinfacht einerseits die Kommunikation miteinander, wenn Sie gefragt werden, welcher Arbeit Sie nachgehen. Er gibt andererseits die Möglichkeit, sich selbst mit etwas zu identifizieren. Ihre Antwort auf die Frage nach Ihrem Beruf könnte lauten: „Ich bin Bäcker“. Erfahrungsgemäß antworten weitaus weniger Menschen mit „Ich arbeite als Bäcker“. Das bin suggeriert dabei eine tiefe Identifikation über den Beruf hinaus. Wenn aber eine Prostituierte sagt, sie sei Prostituierte, ist sie dann auch wirklich aus ihrem Herzen heraus Prostituierte? Wenn das so wäre, müsste sie ent­weder mit einem Aufkleber „Prostituierte“ auf der Stirn zur Welt gekommen sein oder aber sie erkannte den Beruf als ihre Berufung. Berufung ist ein mächtiges Wort! Wohl denen, die ihre Berufung erkannten und damit nun ihren Lebensunterhalt verdienen. Wahrscheinlicher mag jedoch im Falle des ältesten Gewerbes der Welt sein, dass die Frauen nur aus Gründen des Geldverdienens den Job tun und nun das Beste daraus machen. Eine Berufung zeigte sich in den geführten Interviews eher bei Berufen, in denen Ideale ausgelebt werden, so etwa beim Beruf des Mönches und auch des Pfarrers. Doch was sind andere Motive, einen Beruf zu wählen oder sich gar damit zu identifizieren? Neben der Freude an der Arbeit spielen auch gesellschaftliches Ansehen, Anerkennung durch eigene Leistungen oder schlicht Gewöhnung durch jahrelanges Ausüben einer Tätigkeit eine Rolle.

    Menschen vergleichen sich gerne miteinander. Damit entsteht die Frage der Wertigkeit eines Berufs. Welcher ist höher angesehen? Welcher besser? Selbst wenn wir uns an dieser Stelle philosophische Ergüsse über die Wörter höher und besser ersparen, so ist deutlich, dass die Frage von Wertigkeiten ein subjektives Emp­finden und damit kaum pauschal zu be­antworten ist. Denken wir an Damen (immer öfter auch Herren), die Toiletten sauber halten – Toilettenfrauen. Das gesellschaftliche Ansehen dieses Berufs ist wohl niedriger als das eines Arztes anzusetzen. Ist nun aber auch der Job generell schlechter? In einem kurzen Gespräch mit einer Toilettenfrau eines Einkaufszentrums fragte ich nach ihrer Zufriedenheit. Die Antwort war überzeugend, weil bestimmt, spontan und auch inhaltlich klar: „Ich kann mir keine bessere Arbeit vorstellen. Ich kann selbstständig arbeiten, werde nicht laufend von meinem Chef kontrolliert, habe geregelte Arbeitszeiten und einen regelmäßigen Lohn. Das war in meinen früheren Arbeiten nicht so.“ Ein anderes Beispiel: Wie viele Menschen wollen auf dem Friedhof arbeiten und als Totengräber die Sarglöcher buddeln und später wieder auffüllen? Der hier interviewte Friedhofsangestellte schwärmt jedoch von seiner Arbeit: „Es ist solch eine Wohltat, jeden Tag die schöne Natur des Friedhofs genießen zu dürfen. Ich bin voll zufrieden.“

    Bei der Wahl des Berufs beziehungsweise der Berufszufriedenheit scheinen also für viele Menschen vor allem die Rahmenbedingungen eine große Rolle zu spielen, gar nicht so sehr die Tätigkeit selbst. Doch kennen wir nicht alle Aussprüche wie „Such dir einen gescheiten Job“ oder „Such dir einen Job, der sicher ist“? Was ist nun aber gescheit in einer Welt, in der sich Rahmen­bedingungen laufend verändern und damit auch Sicherheiten? Globaler Wettbewerbsdruck, technischer Fortschritt, politische Ent­scheidungen oder auch wilde Spekulationen auf den Weltmärkten tragen zu ständiger Dynamik bei. Auch der Einfluss der Rechtsformen von Unter­nehmen ist bei der Frage nach Beständigkeit nicht zu unterschätzen: Aktiengesellschaften sind im Gegensatz zu Personengesellschaften in aller Regel in der Hand unzähliger Investoren und dienen dem einzigen Zweck, die (meist kurzfristigen) Gewinne zu maximieren und Kosten zu minimieren. Weil Humankapital aber in der Regel nicht nur das wichtigste, sondern meist auch das teuerste Kapital eines Unternehmens ist, ist Stellenabbau für Investoren die weitaus wahrscheinlichere Option als Sicherheiten für Arbeitnehmer zu garantieren.

    Wie auch immer die Realität aussieht, das vom bekannten Psychologen Abraham Maslow be­schriebene Grundbedürfnis des Menschen, das Bedürfnis nach Sicherheit, scheint eine wichtige Rolle bei der Berufswahl zu spielen. Zwar eine weniger wichtige als physiologische Grund­bedürfnisse wie Essen, Trinken, Schlafen und Gesundheit, jedoch eine weit größere Rolle als soziale Anerkennung oder gar Selbstver­wirklichung. Aus diesem Grunde scheinen Be­rufsentscheidungen meist nur dann von einer ganz bestimmten Tätigkeit abhängig gemacht zu werden, wenn die das Physiologische be­treffenden Rahmenbedingungen wie Einkommen, Arbeitszeiten, Regelung im Krankheitsfall oder Urlaub ausreichend befriedigt sind. Ist demnach die Wahlfreiheit eines Berufs also nur Luxus? Aus einer Notsituation heraus betrachtet sicherlich. Auch aus dem Blickwinkel einer Welt ohne Gefühl. Wir sind aber eine lebendige Gesellschaft, die Kreativität honoriert. Einerseits, weil wir im globalen Wettbewerb technischen Fortschritt benötigen, und andererseits, weil Menschen von neuen Produkten oder qualitativ hochwertigen sowie ansprechenden Dienstleistungen angetan sind. Der Ursprung für solche Angebote liegt im Erfindergeist sowie der Freude und Begeisterung an der Arbeit, was unseren Blick auf die zentrale Bedeutung der Berufswahl im Hinblick auf individuelle Fähigkeiten und innere Motivation lenkt. Mit an­deren Worten: Berufswahl ist kein Luxus, sondern ein gewinnbringender Grundpfeiler unserer Gesellschaft, in der jeder im günstigsten Falle genau das tun kann, was sie oder er am besten kann oder machen will.

    Die Berufswahl oder berufliche Umorientierung wird jedoch bei der Vielzahl der heutigen Berufe zu einer riesigen Herausforderung: Mit Fleiß ist es sicherlich zu erreichen, über die Berufsinformationszentren eine Übersicht über die unterschiedlichen Tätigkeiten zu bekommen, nicht jedoch reale Einblicke, denn persönliche Erfahrungen schlagen sich in reinen Berufs­beschreibungen nur selten nieder. Hier kommen Praktika ins Spiel und sind eine tolle Möglichkeit, lebensnah in eine kleine Auswahl von Berufen hineinzuschnuppern. Leider sind aber mehr als zwei oder drei Praktika für die meisten Berufssuchenden kaum realistisch.

    Hier liegt für mich eine Motivation für dieses Buch: ich möchte greifbare Erfahrungsberichte aus der Berufs- und Arbeitswelt anbieten, die so niedergeschrieben sind, als ob die interviewten Personen sie selbst verfasst hätten. Vollständigkeit kann eine Sammlung solcher Berufsgeschichten zwar nicht bieten, dafür aber einhundert Prozent persönliche Erfahrungswerte. Und dies führt mich zur weiteren Motivation für dieses Buch. Das subjektive Erleben der interviewten Personen zeigt einen kleinen Querschnitt durch die heutige Gesellschaft: Wie wird Arbeit erlebt? Wie können Berufswege ver­laufen? Welche Möglichkeiten der Gestaltung eigener Arbeit gibt es? Wie wird die Zusammenarbeit zwischen Kollegen oder Vorgesetzten, Kun­den, Lieferanten etc. wahrgenommen? Was ist die richtige Ausbildung? Wie sehen Selbstständige die wirtschaftlichen und politischen Rahmen­bedingungen? Wie sehen Arbeitnehmer ihre Chancen? Welche Verän­derungen in Bezug auf Arbeit oder Kaufkraft gibt es im Vergleich zu früher? Wie steht es mit der Gleichberechtigung? Wenn Menschen von ihrem Beruf erzählen, ist es unvermeidbar, dass ihre Meinung, ihre Zufriedenheit oder ihr Gefühlsleben mittransportiert werden. Was liegt demzufolge näher, als einer Auswahl von Leuten ein Forum zu bieten und ihre Aussagen in Form von gut lesbaren Interviews festzuhalten?

    Das Projekt war also klar. Nur ist jedes Buch durch eine bestimmte Seitenzahl begrenzt und demnach auch die Anzahl der Interviews. Daher entwarf ich eine Liste von Berufen, die meiner Einschätzung nach eine gute Mischung aus verschiedensten Bereichen mit den unter­schiedlichsten Arbeitsbedingungen sein würden. Bei der Recherche nach Interview­partnern kristallisierte sich eine schöne Mixtur aus drei Variationen heraus: Einerseits suchte ich klassisch im Telefonbuch, Branchenbuch oder Internet nach passenden Unternehmen. Ich rief dort an oder suchte direkt vor Ort nach geeigneten Ansprech­personen für einen Inter­viewtermin. Ein weiterer Weg war, Bekannte oder Menschen, mit denen ich flüchtig in Kontakt gekommen war, nach möglichen Stelleninhabern von bestimmten Berufen zu fragen. Die dritte Quelle, dies war mein mächtiger Joker, waren zufällige Begegnungen mit Erwerbs­tätigen, die ich aufgrund ihrer Persönlichkeit oder ihrer Lebensgeschichte für das Buchvorhaben als Bereicherung empfand.

    Manchmal war es leicht, Termine zu bekommen, manchmal war dies mit einigen Herausforderungen verbunden: In einigen Fällen musste ich mir die Genehmigung des Vorgesetzten einholen, was an sich nur eine Formalie war. Im Falle eines Interviews mit einem Briefträger verschärfte sich die Lage hingegen sehr, weil ich von höchster Pressestelle des Unternehmens die Auflage bekam, die aus dem Interview entstandene Berufsgeschichte dort zensieren zu lassen. Weil ein offenes und ehrliches Interview unter dieser Voraus­setzung nicht möglich gewesen wäre, entschloss ich mich selbstredend ganz dagegen.

    Diese Erfahrung und die Tatsache, dass mir die Persönlichkeit des Einzelnen wichtig ist, war auch der Grund, warum alle Interviews anonym ver­öffentlicht werden. Die Interviews wurden bis auf wenige Ausnahmen persönlich am Arbeitsplatz oder Zuhause geführt, damit ich nicht nur einen Eindruck von der Person, sondern auch von der Umgebung bekam. Ich bin davon überzeugt, dass die Atmosphäre der Gesprächsorte den Verlauf der Interviews in Bezug auf die Dynamik beeinflusste. Die Gesprächsführung war so wenig direktiv wie möglich, wodurch kein typisches Frage-Antwort-Interview entstand. Das Ziel war, eine vertrauenerweckende Atmosphäre zu schaffen, in der sich jedes Gespräch, fern von Standardisierung, in eine eigene Richtung entwickeln konnte. Fragen meinerseits waren nur zum geringen Teil im Voraus bestimmt, sondern sollten sich intuitiv im Zuge des Gesprächs entwickeln. Meine Neugier, wertschätzende Haltung und das Angebot eines Raums zum Aussprechen von Gedanken, die eventuell sonst nur wenig Beachtung finden, waren die Grundvariablen, die ich zum Gespräch beisteuerte.

    Zu Beginn des Projektzeitraums von sechs Jahren, in dem ich mich nebenberuflich den Interviews widmete, startete ich die Aufnahmen mit einem Diktiergerät der neunziger Jahre, das mit herkömmlichen Musikkassetten funktioniert. Dadurch hatte das Gerät nicht nur die Größe der Walkmans der achtziger Jahre, es gab mir durch die Kassettenlänge auch automatisch eine Richtschnur für die Interviews: Ein Gespräch sollte eine Kassettenseite lang, also maximal fünfundvierzig Minuten, dauern, was allerdings des Gesprächsflusses wegen nicht immer möglich war und daher die Zeit öfters überzogen wurde. Am Computer wurden später alle Aufnahmen digitalisiert, um sie zum Zwecke der Transkription und Spei­cherung komfortabler nutzen zu können. Weil der nachträgliche Digitalisierungsprozess jedoch auf die Dauer zu umständlich war, passte ich mich dem technischen Wandel an und führte meine letzten Gespräche mit Hilfe eines digitalen (und damit weitaus kleineren) Diktiergeräts durch.

    Geplant war, die Gespräche fast im gleichen Wortlaut wie in der mündlichen Rede abzudrucken, um den Redestil der interviewten Personen sowie ihre Ausdrucksformen einschließlich Umgangssprache und Dialekt authentisch wiederzugeben, und so zur Veranschaulichung ihrer Persönlichkeitsstruktur beizutragen. Es bewahrheitete sich jedoch schnell die Binsenweisheit, dass die gesprochene Sprache nichts mit der geschriebenen gemein hat. Um Ihnen als Leser gut lesbare Berufsgeschichten vorzulegen, bedurfte es intensiver Nacharbeit an den Texten. Alles in allem versuchte ich jedoch, das Ge­sprochene ohne Informationsverlust und bewertungslos in eine leicht lesbare Sprache zu bringen.

    Die Berufsgeschichten bestätigten eine Vermutung: Der strebsame, gerade Weg zur Berufsfindung ist die absolute Ausnahme. Es scheint vielmehr für die Mehrheit gängig zu sein, früher oder später durch einen persönlichen, manchmal zeitaufwendigen, wenngleich im Nachhinein meist heilsamen, Findungsprozess gehen zu müssen. Oft scheint er für Außenstehende nicht nachvollziehbar oder wird von manch konservativem Unternehmen nicht toleriert, weil bei Bewerbungen in aller Regel nur „saubere“ und gerade Lebensläufe Beachtung finden. Auch von den betroffenen Menschen wird der persönliche Findungsprozess häufig als nicht hinnehmbar akzeptiert. Die dahinter liegende Sinnhaftigkeit für den Lebenslauf erkennt man jedoch meist erst im Nachhinein. Hierbei kommt dann die Frage auf, ob nicht doch der Weg das Ziel sei?

    Auch wenn die Berufsgeschichten in diesem Buch auf viele andere westliche Industrieländer übertragbar sind, so sind sie es nicht auf geringfügig industrialisierte Staaten mit anderen Gesellschaftsformen. Arbeits­bedingungen, die in Deutschland als besonders hart gelten, würden mitunter von vielen Menschen in weitaus ärmeren Ländern als traumhaft bezeichnet werden. Ein Beispiel? Der Arbeiter von den Fidschi-Inseln, der seine Familie nur alle zwei Jahre für einen kurzen Urlaub sehen kann, ansonsten täglich von früh bis spät barfuß in fernen Stahlfabriken Asiens arbeitet, deren Arbeitsbedingungen oft als katastrophal bezeichnet werden müssen. Dieser muss als Folge unzureichender Arbeitssicherheit eventuell eine beträchtliche Lebenszeitverkürzung[i] hinnehmen, die mit keinem Geld der Welt aufgewogen werden kann. Schon gar nicht mit Löhnen, die geradezu so eine ärmliche Existenz in Abhängigkeit sichern: Unzählige Arbeitgeber zahlen dermaßen wenig Lohn, dass Arbeitnehmer, unabhängig von der Schwere ihrer Arbeit, es nicht schaffen, Geld zu sparen. Dies macht es un­möglich, die Arbeit aufzugeben, um in einer neuen ein selbstbestimmteres Leben führen zu können. Moderne Sklavenhaltung?

    Jedoch: Kann man Länder so einfach vergleichen? Auch in unserem Land gibt es neben Überfluss, Lebensfreude und dem Luxus der Selbstentfaltung natürlich Armut, Schmerz, Abhängigkeiten und persönliche Schicksale, die immer wieder ihren Ursprung entweder in der Arbeit oder Arbeitslosigkeit haben. Härte und Entmenschlichung sind in hochtechnologisierten Industrie­ländern durch auslösende Faktoren wie Funktionalisierung, Mechanisierung, Automatisierung, Abstraktion und Zeitdruck oft nur nicht so deutlich sicht­bar wie beispielsweise körperliche Schwerarbeit. So, wie die Faktoren an­dere sind, so sind es auch die daraus resultierenden Symptome: In den gängigen Statistiken zur Berufsunfähigkeit werden hierzulande gleich nach den Erkrankungen an Wirbelsäule, Knochen, Gelenken und Muskeln die Erkrankungen der Psyche sowie Herz- und Gefäßerkrankungen aufgeführt. Deutschland nimmt sogar eine Sonderrolle ein: Nach Angaben der OECD ist in Deutschland die Zahl der Erwerbsunfähigen mit psychischen Er­krankungen in den vergangenen zwanzig Jahren so schnell gestiegen wie in keinem anderen OECD-Land.[ii]

    Dieses Buch versucht, auf anregende wie auch unterhaltsame Art und Weise eine Momentaufnahme über das Arbeiten in Deutschland mit all seinen Rahmenbedingungen – gesellschaftlich, ökonomisch und politisch – zu geben. Viele Aussagen der Menschen, die hier berichten, berühren Themen, denen ich immer wieder in alltäglichen Gesprächen begegne. Keine Aussage ist erfunden. Jede Äußerung wahrheitsgetreu.

    Die Berufsgeschichten sollen Sie zum Schmökern einladen, indem Sie anderen Menschen bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen können, und erfahren, was diese den ganzen Tag so tun und wie sie ihren Berufsalltag erleben.

    Eventuell kann ich mit diesem Buch sogar einen Beitrag zu der Be­antwortung der eingangs aufgeworfenen Frage leisten, was „Arbeit“ bedeuten kann.

    Ihnen wünsche ich von Herzen ein erfülltes Berufsleben!

    Nick Melekian

     

    [i] Alle fünfzehn Sekunden stirbt weltweit ein Arbeitnehmer aufgrund eines Arbeitsunfalls oder einer Berufserkrankung. Am Ende eines jeden Tages erleiden weltweit eine Million Men­schen einen Arbeitsunfall (Quelle: International Labour Organization ILO, Health and life at work: A basic human right – Booklet, World Day For Safety And Health At Work 2009)

    [ii] OECD-Beschäftigungsausblick 2009