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    Interview mit einer Bademeisterin

    „Bademeister stehen nur am Beckenrand und sonnen sich“. Dass dieses Klischee nicht wahr ist, weiß diese Bademeisterin zu berichten. Wer hätte gedacht, dass Bademeister sogar über rechtliche Fragen wie vorläufige Festnahmen Bescheid wissen müssen? Die hier erzählende Bademeisterin legt dar, wie vielschichtig ihr Beruf ist und warum auch ihr Privatleben davon nicht unberührt bleibt.

    Sie ist Ende zwanzig und ledig. Das Gespräch findet auf einer Bank am Beckenrand statt. Es ist Nieselwetter bei herbstlichen Temperaturen im Juli. Während des Gesprächs hat sie stets aufmerksam das Becken und die umgebenden grünen Wiesen im Blick. Es ist spürbar, dass sie auch mit ihren Ohren alle Klänge wahrnimmt, um bei Tönen, die sie nicht als ungefährlich einstufen kann, präsent zu sein.

    Ich wollte immer etwas machen, wo ich Bewegungsfreiheit habe, wo ich flexibel sein kann. Mir fiel die Entscheidung, dass ich eine Arbeit ohne Schreibtisch brauche, eigentlich recht leicht. Es standen dabei verschiedene Berufe zur Auswahl. Ich wollte zur Polizei, ich wollte Dachdecker, wollte Zimmermann werden. Alle Berufe, bei denen man mit den Händen arbeiten muss und mit Menschen zu tun hat, standen bei der Auswahl zur Berufsentscheidung sehr im Vordergrund. Ich informierte mich über verschiedene Berufe und dann fiel mir dieser Beruf einfach ein. Wasser ist herrlich. Ich kann im Freien arbeiten, habe Menschen um mich, muss flexibel handeln und habe verschiedene Aufstiegsmöglichkeiten, was mir auch wichtig war. Da fiel mir der Beruf eigentlich in die Hände, habe ihn schließlich begonnen und die Ausbildung zu Ende gebracht. Ich wollte unbedingt zur Polizei, aber damals war ich zu jung. Damals war die Körpergröße für die Frauen auch noch höher angesetzt. Dann dachte ich mir, o.k., das mit der Größe kriege ich bestimmt irgendwie geregelt, aber ich brauche erst einmal eine Ausbildung und musste achtzehn werden. Aber ich bin hier hängen geblieben. Ich wollte erst noch eine Umschulung machen, zur Polizei, dachte mir Hundestaffel, Wasserwacht oder etwas in der Richtung. Aber ich bin halt einfach hier hängen geblieben. Und eigentlich bin ich froh darum. Wasser ist ein schönes Element: Es macht Spaß, Schwimmern zu[1]zugucken, es macht mir Freude, mich selbst im Wasser bewegen zu können, es ist einfach herrlich. Ob ich im Gebirge laufe und einen See vor mir habe oder an den Strand gehe und habe das Meer vor mir. Wasser ist einfach ein schönes Element. Es strahlt Ruhe aus, aber auch Kraft. Das ist meine Welt. Der Beruf schließt so viele andere Berufe mit ein, sodass ich nun von jedem etwas habe. Ich kann sogar ein wenig die Polizistin spielen, wenn ich den Finger zeige: „Jetzt nicht, sonst gibt es Ärger!“

    Kein Däumchen drehen

    Für andere sind wir nur diejenigen, die am Becken stehen und nichts tun, weil zum Glück nicht jeden Tag jemand wirklich Hilfe braucht. Es gibt Leute, die uns ernsthaft fragen: „Was macht ihr eigentlich noch? Es kann doch nicht sein, dass ihr nur am Becken steht“. Und die, die uns ehrlich fragen, die bekommen von uns auch ehrliche Antworten, nämlich dass eben die Wasserhygiene vorrangig ist, dass wir die Kontrolle der im Badebetrieb eingesetzten Maschinen übernehmen, uns um die Grünanlagen und das Kassenwesen kümmern müssen. Einfach alles was in einem Bad steht, liegt und arbeitet, müssen wir überwachen und kontrollieren. Auch die Ökologie steht im Vordergrund.

    Ich habe nicht das Gefühl, dass die Leute hier schlecht über uns denken. Es ist sehr familiär und die wissen eigentlich schon über unsere viele Arbeit Bescheid. In Extremfällen kommt es aber vor, wenn wir sehr viel Badebetrieb haben mit mehr als zweitausend Leuten und Gäste da sind, die nicht regelmäßig kommen, dass sie einen auf herablassende Art und Weise spüren lassen, dass wir hier ja eh nichts machen, außer die Toilette putzen, am Becken stehen und uns sonnen. Die haben überhaupt kein Hintergrundwissen und es interessiert sie auch nicht. Oftmals hat man auch als Frau das Problem, wenn man noch jung ist, dass die Proleten unter den Männern bei Hinweisen abwinken, nach dem Motto: „Mädel, was willst denn du, geh mir doch weg“. Wenn wir wirklich einmal die Haus- und Badeordnung durchsetzen müssen, sich jemand also einfach daneben benimmt, andere Gäste belästigt oder sogar in Gefahr bringt, dann sind wir dafür da zu sagen: „Stopp! Weiter geht es nicht“. Dann belächeln die uns, winken ab und lassen uns stehen wie einen kleinen Dackel. Sie akzeptieren nicht, dass wir im Schwimmbad Autoritätspersonen sind. Die belächeln hauptsächlich uns junge Frauen.

    Ich bin in meinem Beruf glücklich. Ich würde ihn jederzeit wieder ausüben. Dennoch, zu den Menschen, die auf Berufssuche sind oder auch zu unseren Praktikanten, sage ich ganz ehrlich und ernst, dass sie es sich gut überlegen sollten, denn der Beruf ist kein Pappenstiel. Man muss ein sehr breites Kreuz haben und extrem viel abfangen und aushalten können. Es sind auch unschöne Sachen dabei, da wir ja auch für die Reinigung und die Hygiene im Bad verantwortlich sind. Dann gehört es nun einmal auch dazu, dass wir extrem verschmutzte Toiletten reinigen müssen, was ja auch nicht jedem liegt. Und das sage ich dann auch offen und ehrlich: „Hör zu, du musst hier verdreckte Toiletten putzen und wenn es verstopft ist, musst du wirklich mit der Hand rein langen und die Verstopfung beseitigen, wenn es nicht anders geht.“ Bei Regenwetter haben wir auch immer auf und stehen selbst bei 8 oder 7°C draußen. Zudem muss man muss handwerklich geschickt sein, darf also keine zwei linken Hände haben, muss improvisieren können, wenn irgendetwas kaputt ist und man nicht die Möglichkeit hat, es reparieren zu lassen. Man muss Maschinen am Laufen halten, bis Experten da sind. Wenn ich eine Pumpe mit meinem Wissen nicht wieder reparieren kann, dann muss zwar eine Firma kommen, aber dennoch muss ich schauen, dass die restlichen Geräte laufen.

    Wir haben hier auch Schichtarbeit, das heißt wir arbeiten oft dann, wenn andere Arbeitende frei haben. Wenn meine Kumpels mich fragen, ob wir am Wochenende da oder dort hingehen, sei es Kino oder Kegelbahn, dann muss ich antworten: „T‘schuldigung, aber ich muss arbeiten.“ „Wie, schon wieder arbeiten? Du hast doch erst letztes Wochenende gearbeitet.“ „Ja, aber ich muss halt schon wieder arbeiten.“ Wenn die anderen im Schwimmbad sind und herum hängen, dann sind wir im Schwimmbad und arbeiten. Wir können nicht um vier Uhr Feierabend haben, den Schraubenschlüssel liegen lassen und gehen. Wenn es sein muss, machen wir länger, da wir unsere Kollegen nicht hängen lassen können. Es geht hier einerseits um Menschenleben, andererseits aber auch um den Spaß der Menschen. Wir sind ein öffentlicher Betrieb und der muss laufen.

    Man verliert durch die Arbeitszeiten Freunde, die, im Nachhinein betrachtet, keine wirklichen Freunde sind. Wenn man hier arbeitet, dann wird der Freundeskreis immer kleiner, weil man sich nicht mehr regelmäßig sieht. Die eigenen Hobbys, die man vorher regelmäßig gemacht hat, kann man meistens nicht mehr weiterführen. Wenn man gerne Fußball spielt und an Turnieren teilnimmt, kann man sich nicht immer frei nehmen, nur weil ein Fußballturnier stattfindet. Viele sagen, dass dies ihnen schon klar ist, aber zu spüren bekommt man das erst, wenn man ausgelernt hat und richtig im Beruf drin ist. Aber für mich ist klar: Ich würde mich trotzdem immer wieder für diesen Beruf entscheiden.

    Menschenkenntnis

    Ich lerne mich hier selber besser kennen, denn man braucht hier schon sehr viel Fingerspitzengefühl im Umgang mit Anderen. Ich kann und darf meinen eigenen Emotionen nicht immer freien Lauf lassen. Wenn ich mich über irgendjemanden sehr stark aufrege, weil er mir tierisch auf die Nerven geht, dann kann ich ihn trotzdem nicht raus schmeißen, das geht nicht. Und selbst wenn er mich zwanzig Mal fragt, wo das Klo ist, dann muss ich ihm zwanzig Mal sagen, dass es sich dort oder dort befindet. Durch die vielen verschiedenen Bevölkerungsschichten – wir haben hier neben Rechtsanwälten und Doktoren auch Arbeitslose – lernt man sehr schnell Menschen einzuschätzen, wie man mit ihnen am besten umgeht beziehungsweise wie man Konflikten aus dem Weg geht, sie in eine andere Richtung lenkt oder sie so äußert, dass die Gäste und ich zufrieden sind, also eine gemeinsame Lösung finden.

    Als negative Erfahrungen kommt es vor, dass man abgestempelt wird als jemand, der eh nichts schafft. Positiv hingegen ist, wenn die Leute auch mal zu uns kommen und sagen: „Wir wissen, ihr habt einen harten Job und gönnt euch mal freie Tage“. Dann kommen die Leute zu uns und sagen, dass es so schön ist zu schwimmen, weil man so viel Platz im Wasser hat, aber wir täten ihnen Leid, weil es sicherlich kalt sein muss, bei Regen oder 7°C am Beckenrand zu stehen. Es ist schön zu wissen, dass man nicht einfach nur irgendwer ist, sondern man auch geschätzt wird. Man kann Bademeister schwer mit jemandem vergleichen, der in seiner Arbeit keinen Publikumsverkehr hat … welche Erfahrungen kann derjenige wohl machen? Ich denke, es ist ein großer Gewinn, wenn man mit Publikumsverkehr zu tun hat, obwohl das nicht immer nur positive Erlebnisse erzeugt. Ich kenne in meinem Freundeskreis wenige Menschen, die in ihrer Arbeit mit so vielen Menschen zu tun haben wie ich. Die arbeiten in Firmen an Maschinen oder an Autos.

    Anerkennung und familiäre Atmosphäre

    Ich würde mir in meinem Job noch ein bisschen mehr Anerkennung wünschen. Beschimpfungen von Gästen nehme ich oft persönlich, obwohl ich weiß, dass ich das nicht sollte. Man ist ein Erfüllungsgehilfe, man erfüllt die Interessen seines Arbeitgebers. Man vertritt sie, ob man selber damit einverstanden ist oder nicht. Man hat damit einverstanden zu sein und wenn man dann persönlich getroffen, angegriffen oder beleidigt wird, einem vielleicht sogar gedroht wird.

    Am Anfang der Saison, wir haben noch nicht einmal geöffnet, rufen die älteren Damen an, ob sie wieder ihren Spind mieten könnten, denselben wie letztes Jahr: „Den hab ich schon seit fünfzehn Jahren und den hätte ich gerne wieder“. Wenn man auf diese Weise ein Freude machen kann, dann dürfen sie auch schon bevor wir geöffnet haben ihre großen Liegen hereintragen und einschließen, sodass sie, wenn wir wieder geöffnet haben, sofort durchstarten können. Dann freuen sie sich sehr und lächeln dich an, das ist schön. Es sind diese Kleinigkeiten, wenn ich zum Beispiel einen Badegast, er sitzt im Rollstuhl, beim Ein- und Aussteigen in das Auto helfe, er kann es zwar auch alleine, aber wenn ich ihm helfe, dann ist es für ihn einfacher. Da freue ich mich drüber und das macht mir auch wirklich Spaß. Es gibt Personen, die einem das Ohr vollquasseln. Diese kriegt man gar nicht mehr richtig los. Solche Leute, die einem von den verschiedenen Unkrautsorten erzählen, wie tief die Wurzeln sind und wie man sie wegbekommt – das sind solche Sachen, die einen nicht wirklich interessieren, aber man hört halt zu, denn die Menschen haben das Bedürfnis zu erzählen. Über diese Leute unterhalten wir uns dann später mit Kollegen. Es sind eigentlich die älteren Damen, über die wir reden, denn die eine sammelt Gläser, weil sie Marmelade macht, die andere bringt uns immer Hefte mit und legt sie uns vor die Türe. Dabei können wir ja, wenn wir Dienst haben, keine Zeitschriften lesen, aber sie machen es halt und wir bedanken uns. Ich denke, dass es das Wichtigste ist, einfach freundlich zueinander zu sein.

    Hier in dem Bad, weil es ein recht schlichtes und kleines Freibad ist, ist die Stimmung recht familiär. Es fällt schon mal auf, wenn jemand, der sonst immer zur gleichen Uhrzeit kommt, nicht da ist. Dann macht man sich schon Sorgen: „Der ist fünf Minuten später dran, wo ist er heute? Geht es ihm nicht gut, ist er wieder gestürzt oder kann er heute einfach nicht, weil er Besuch von den Enkeln bekommt?“. Die meisten Besucher kennen wir schon. Bei denen wissen wir, wie wir mit ihnen reden können. Mit manchen kann man reden, wie einem der Mund gewachsen ist, da kann man auch mal einen Scherz über die Lippen bringen. Die lachen dann auch selber darüber. Es sind aber auch andere dabei, mit denen man sehr zuvorkommend oder extrem höflich reden muss. So kann man zwar zu den einen sagen „Zigarette aus! Und nicht am Beckenrand, Sie wissen ja!“ Und bei anderen muss man sagen: „Wären Sie bitte so freundlich und würden Sie ihr Rauchen auf die Wiese verlegen?“

    Ich nehme Badesachen von Zuhause mit ins Geschäft und nehme geschäftliche Sachen mit nach Hause. Ich kann Privates von Geschäftlichem nicht immer trennen und nehme gelegentlich Bilder aus meinem Beruf nach Haus mit. Wenn ich dann Zuhause ankomme und nicht gut drauf bin, heißt es unter Umständen: „Was ist denn jetzt wieder los?“. Umgekehrt ist es genauso, dass man Privatsachen nicht immer nur daheim lassen kann. Man kann nicht immer nur gut drauf sein oder immer nur lächeln. Das ist nicht einfach, aber man muss in solchen Fällen das Beste daraus machen.

    Besucher des Schwimmbads

    Frühmorgens kommen die Frühschwimmer, das ist recht gemischt. Da sind Rentner dabei, Studenten, Arbeiter mit Gleitzeit, die ihre Arbeit ein bisschen verschieben können. Es sind aber auch viele ältere Menschen hier, die dann auch bis zum Nachmittag da bleiben und es hier einfach genießen. Die gehen nicht in den Urlaub, ihr Urlaub ist das Thermalbad. Die haben auch alles hier, ihre Liegen, ihre Decken, ihre fünf verschiedenen Badeanzüge. Die leben hier ihren Urlaub und bei schönem Wetter sind sie sogar bis spät abends hier im Bad. Die jugendliche Generation trifft man hier weniger, weil wir für die keine Attraktionen bieten können. Wir haben nur eine Rutsche und sind sehr schlicht. Es gibt noch ein anderes Freibad in der Nähe mit Volleyballfeldern, Sprunganlagen und einem noch größeren Schwimmerbecken. Dort haben sie viel mehr Attraktionen, dort gibt es auch einen viel größeren Kinderspielplatz. Hier sind mehr Mütter mit Kindern, die es genießen, bis zum Teeniealter ihrer Kinder in ruhiger Atmosphäre zu sein. Die Studenten mögen es hier auch, die schwimmen ein paar Bahnen, setzen sich dann auf die Wiese und lernen.

    Braungebräunte Rettungsschwimmer im Fernsehen

    Es gibt wirklich Praktikanten, die Dinge sagen, wie: „Oh, geil, ihr rennt dann den ganzen Tag im Badeanzug herum. Ja, aber in amerikanischen Filmen trägt man doch rote Badeanzüge?“. Die verstehen nicht den Unterschied zwischen der nüchternen Realität und Showbusiness, wo Leute mit ihren stählernen Muskeln und Modelfiguren an kalifornischen Küsten herum[1]laufen. Wir sind ganz normale Menschen. Der eine ist vom Körperbau her sportlicher, der andere eben nicht. Wir müssen fit sein, ganz klar, aber wir erfüllen hier mehr die Funktion einer Autoritätsperson. Wir müssen uns zwar durch unsere Kleidung hervorheben, aus dem Grund, dass die Besucher Anlaufpunkte haben, sei es, wenn sie Sorgen oder Probleme haben oder wenn sie Hilfe brauchen. Man kann aber nicht herumrennen wie in Miami am Strand. Das ist völliger Humbug. Was aber wahr ist, ist die Tatsache, dass wir fit sein müssen und unsere Prüfungen erbringen: Wir müssen schwimmen und retten können und die Erste Hilfe beherrschen, das ist ganz klar. Aber bei im Fernsehen müssen sie nicht die Wasserqualität überprüfen, sie müssen keine Pumpen reparieren, keinen Kunststoff schweißen – die müssen wirklich nur auf das Wasser gucken und Gefahren einschätzen, ob zum Beispiel Hai- oder Quallengefahr ist. So etwas müssen wir hier nur in ähnlicher Weise tun. Wenn Gewitter ist, müssen wir abschätzen, ob es lang[1]sam brenzlig wird und wenn es dann gewittert, warnen: „Raus aus dem Wasser!“. Also es ist nicht viel dran. Hier wird man im Übrigen nur nach Leistungsgesichtspunkten eingestellt, beim Film wohl eher nach dem Aussehen (lacht).

    Es ist schon vorgekommen, dass wir hier Menschenleben retten mussten. Es fängt oft nur mit Kleinigkeiten an, zum Beispiel wenn ein Kind die Wasserrutsche hinunterrutscht und denkt, dass es am Ende im Wasser stehen könnte und nicht schwimmen kann. Denn Kinder sind ja recht unbedarft. Die sehen, dass die anderen Kinder rutschen, denken, dass es Spaß macht, und wollen das dann auch. Die denken sich: „Die können das, ach, das kann ich auch.“ Und wenn man sieht, dass ein Kind dort nicht stehen kann, dann springe ich sofort ins Becken. In anderen Fällen, vor allem bei Älteren, kann es aufgrund der Hitze zu Kreislaufproblemen kommen, sodass ihnen schwindelig werden kann oder sie einen Krampf im Wasser bekommen. Das sind zwar Kleinigkeiten, bei denen man helfen kann, die aber ausarten würden, wenn das niemand macht. Für so etwas bekommt man als Bademeister einen Blick.

    Ich schaue ganz anders. Ich schaue im Übrigen auch, gerade jetzt, wo ich mit Ihnen das Interview mache, dauernd umher, ob alles in Ordnung ist. Das ist eine Nebenwirkung unserer Arbeit (lacht). Man nimmt sehr viel wahr und ist sehr aufmerksam. Manche würden es als unhöflich empfinden, wenn man ihnen beim Reden nicht immer ins Gesicht schaut. Aber so ist das halt. Man hört ein Kind rufen und guckt schnell hin. Und das zeigt sich mittlerweile auch im Privatleben. Überall, egal wo man ist. Ob man einen Stadtbummel macht oder in einem fremden Schwimmbad ist, man „arbeitet“ immer und ist sehr aufmerksam, man kriegt schnell mit, wenn etwas nicht normal läuft.

    Es gab vor einigen Jahren mal einen Fall wo es um Leben und Tod ging. Es handelte sich dabei um ein Kind, das mit einem Schwimmbrett in einem tiefen Becken gepaddelt ist und es sah danach aus, dass das Kind seinen Beinschlag trainiert. Aber in Wirklichkeit konnte das Kind gar nicht schwimmen. Das Kind ist von dem Brett abgerutscht, konnte sich nicht mehr festhalten, das Brett ist einfach weggerutscht und das Kind wie ein nasser Stein untergegangen. Das Kind kam aber nochmal kurz hoch und man musste dem Schwimmbrett dann nur noch einen kurzen Kick geben, dann konnte das Kind das Brett wieder greifen, um zum Rand zu paddeln. Solche Dinge dürfen uns nicht entgehen. Auch, wenn eine Situation augenscheinlich ungefährlich und normal aussieht. Wer hätte vermuten können, dass das Kind gar nicht schwimmen kann? Manche Kinder laufen auch einfach ins Wasser, weil sie nicht wissen, dass sie darauf nicht stehen können und – plumps – sind sie weg. Ich persönlich musste Fälle mit Reanimation noch nicht erleben. Ich höre oft die Äußerung, dass der Job langweilig sein müsse, es passiere ja gar nichts. Dann sage ich: „Bitte? Soll ich fünf Leute aus dem Wasser retten? Ich bin froh, dass nichts passiert!“ Ich brauche kein Menschenleben retten, damit ich Spaß bei der Arbeit habe.

    Man sagt, wir Bademeister würden so ernst gucken, aber wir konzentrieren uns lediglich. Wenn wir dann ein direktes Gespräch führen, dann haben wir wieder eine ganz andere Gesichtsmimik. Aber im Auftrag unserer Beckenaufsicht sind wir sehr konzentriert und wirken demnach auch ernst und angespannt.

    Straftaten

    Diebstahl kommt häufig vor. Ist der Täter noch da, stellt sich die Frage, wie wir ihn erwischen. Im Bereich der vorläufigen Festnahme müssen wir uns auch auskennen. Es gibt sogar Sexualdelikte, Übergriffe auf Kinder, Missbrauch von Schutzbefohlenen. In diesen Bereichen müssen wir uns auskennen, denn da bewegt man sich auf einem heißen Pflaster, weil man sich sehr schnell in die Privatsphäre von anderen einschleicht und man auch Leuten Unrecht tun kann. Ich darf Verdächtige ja nicht knebeln und fesseln, mich auf ihn drauf setzen und sagen: „So! Jetzt bleibst du mal hier, bis die Polizei kommt.“ Ich muss mich da schon sehr gut auskennen, um solche Delikte zu erkennen und Maßnahmen treffen zu können. Das ist alles in meinem Beruf inbegriffen. Das bekommt ein normaler Badegast gar nicht mit, weil er das Hintergrundwissen zu unserem Beruf nicht hat. Und mit diesen Berufspflichten ist auch die Verbindung zu meinem früheren Berufswunsch der Polizistin wieder hergestellt (schmunzelt).